Abwarten und Aushalten – wie hilft Vertrauen im Berufswahlprozess der Kinder?

Der Übergang von der Oberstufe in die Berufslehre oder weiterführende Schule ist für viele Jugendliche ein bedeutungsvoller Schritt. Der Weg in den nächsten Lebensabschnitt verlangt von ihnen viel Durchhaltevermögen und kann auch Enttäuschungen bereithalten. Allerdings gilt dies nicht nur für die Jugendlichen: Auch für Eltern bedeutet dieser Prozess oft eine Herausforderung, einhergehend mit einer Übung des Vertrauens, dass der Sohn bzw. die Tochter die notwenigen Schritte machen wird.

Christine Hund, Berufs- Studien-, und Laufbahnberaterin in Pfäffikon

Julian besucht die 3. Oberstufe. Er sitzt mit seinen Eltern bei mir im Beratungszimmer und wir sprechen über die Berufswahl. An der Körperhaltung und den kurzen Antworten von Julian ist klar erkennbar, dass er nicht freiwillig hier ist. Julians Mutter sagt, sie und ihr Mann machen sich grosse Sorgen, denn die Hälfte der Klasse habe bereits eine Lehrstelle oder eine Anschlusslösung nach dem Abschluss der 9. Klasse im Sommer. «Julian ist noch nirgends – er hat bisher kaum etwas für die Berufswahl gemacht, lediglich eine Schnupperlehre als Logistiker absolviert und auch hier eine schnelle und einfache Lösung gesucht». Die besorgten Eltern sind ratlos und haben das Gefühl, dass der «Zug schon abgefahren ist». All ihre Vorschläge und Hilfsangebote werden abgelehnt und Julian zieht sich immer mehr zurück.

Jugendliche müssen selbst aktiv werden
Die passende Ausbildung müssen die Schülerinnen und Schüler selber finden und auch selber machen. Die Eltern, die in diesem Prozess ganz wichtige Begleiter sind, können Anregungen liefern, Mut machen, Interesse zeigen, Nachfragen und auch immer wieder Türen öffnen. Die Jugendlichen sollen aber bereit sein, sich auf die Berufswelt einzulassen. Sie müssen weiterkommen wollen und sich auch mal trauen, ins kalte Wasser zu springen. Vor allem braucht es Engagement – nicht weil die Eltern sagen: «du musst jetzt!», sondern aus eigenem Antrieb. Wichtig ist, dass Eltern die Jugendliche ermutigen, Erfahrungen zu machen: sich über Berufe informieren, Schnuppern gehen und Infonachmittage besuchen.

Wichtig: Ermutigen und kleine Erfolge feiern
Oft sind es kleine Dinge, die im Alltag gut gelingen: Ein Projekt in der Schule, das erfolgreich zu Ende gebracht oder ein originelles Geschenk, das für den Geburtstag vom besten Freund organisiert wurde. Werden solche Dinge von den Eltern wahrgenommen und benannt, stärken sie das Selbstvertrauen der Jugendlichen und fördern deren Motivation. Auch schaffen sie Vertrauen und unterstützen bei der Entdeckung der Stärken. Julian hat sich während der zweiwöchigen Ferien der Nachbarn um deren Katze Minou gekümmert: Sie gefüttert, mit Streicheleinheiten versorgt, mehrmals täglich nach ihr geschaut und die Katzentoilette gereinigt. Das ist nicht selbstverständlich und erfordert Verantwortungsbewusstsein. «Super gemacht Julian! Minou ist gesund und munter und ihr hat es in den zwei Wochen an nichts gefehlt» lobt ihn seine Mutter.

Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht
Eltern haben meist konkrete Vorstellungen wie das Vorgehen in der Berufswahl auszusehen hat. «Ich wünsche mir, dass Julian mehrere Schnupperlehren macht, sich den Beruf «Kaufmann» anschaut und im Herbst erste Bewerbungen schreibt». Es gibt einen sogenannten «Fahrplan der Berufswahl» mit den wichtigsten Stationen, die aufeinander folgen und aufbauen. In der Praxis ist das Vorgehen und der Zeitplan aber oft sehr individuell: Manche Jugendliche wissen bereits in der 2. Oberstufe für welchen Beruf sie sich bewerben möchten, andere fällen diesen Entscheid erst im Laufe der 3. Oberstufe. Wieder andere brauchen noch ein Zwischenjahr und etwas Zeit, denn es gilt auch hier das kluge Sprichwort:  «Gras wächst auch nicht schneller wenn man daran zieht.»

Vertrauen in die Entscheidungsfähigkeit und den ganz eigenen Weg der Kinder
Nehme ich die grauen oder die schwarzen Jeans? Gehen wir ins Kino oder spielen wir Tischtennis? Das Leben der Jugendlichen ist voller Entscheidungen. Doch nun kommt eine, die für die nächsten Jahre richtungsweisend ist: Was mache ich nach der 3. Oberstufe? Welchen Beruf will ich einmal ausüben? Was will ich eigentlich aus meinem Leben machen?

Ich erzähle oft beim Elternabend meine Erfahrungen von Beratungsgesprächen.
So war kürzlich ein 25-jähriger Mann bei mir in der Beratung, der eine sehr turbulente Schulzeit hinter sich hatte: Ursprünglich Sek-Schüler, musste er in der 2. Oberstufe in die Realklasse wechseln und dann 6-Monate in ein «Time-Out-Programm». Grund dafür waren Konflikte mit Mitschülern und der Lehrperson. Er hat nach der Oberstufe ein Motivationssemester besucht, hat zwei Jahre auf dem Bau gearbeitet und dann eine Lehre als Logistiker absolviert. . Diese hat er abgeschlossen und in der Arbeitswelt Fuss gefasst. Sein Weg zum Lehrabschluss ging etwas länger, allerdings war es «sein Weg», der richtige für ihn und er hat dabei sehr wertvolle Erfahrungen gemacht.

Es passiert ganz viel auch wenn im Aussen scheinbar nichts passiert
Beim zweiten Beratungsgespräch ist Julians Mutter gelassener. Sie hat sich eine Weile zurückgenommen, nicht mehr nachgefragt und abgewartet. Das war für sie kein einfacher Prozess. Dann waren Berufsleute im Schulhaus und haben ihre Berufe und den Weg dorthin vorgestellt. Julian hat von dem Beruf Geomatiker erfahren und fand den abwechslungsreichen Berufsalltag sehr spannend. Er konnte dort gleich selbständig eine Schnupperlehre vereinbaren und machte während der Schnupperlehre gute Erfahrungen. Julians Mutter berichtet, wie wichtig es war, ihm Zeit zu lassen. «Es sah so aus, als ob nichts passiert – aber offensichtlich ist doch einiges passiert».

Den Weg finden
Während einer Wanderung kürzlich ist mir Julian in den Sinn gekommen: Ein Paar war mit einem jungen Hund unterwegs. Ich wanderte hinter ihnen und konnte beobachten, wie der Hund voller Energie in alle Himmelsrichtungen lief und schneller unterwegs war als die beiden. Mal ist er nach vorne gesprungen, mal war er hinter ihnen, dann plötzlich seitlich vom Weg, einem Schmetterling hinterherjagend. Die Hundebesitzer hatten offensichtlich volles Vertrauen in ihn, denn sie haben sich weder umgedreht noch nach ihm gerufen. Offensichtlich gewiss, dass er den Weg immer wieder findet - das war eindrücklich.

"Wir machen aus jeder Frage eine Perspektive!"

Die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) des Kantons Schwyz bietet Berufs- und Studienwahlberatungen, Laufbahnberatungen für Erwachsene, Standortbestimmungen, Veranstaltungen zu Beruf, Studium und Weiterbildung, Unterstützung in Entscheidungsprozessen, Diagnostik, Kurzberatungen im BIZ, Bewerbungs-Checks, Integrationsberatungen für Migrantinnen und Migranten und Fachauskünfte zu Aus- und Weiterbildungen. Die BSLB ist regional verankert und mit verschiedenen Partnerorganisationen aus Bildung und Wirtschaft vernetzt.