«Wiedereinstieg ist kein soziales Projekt, sondern eine strategische Chance»

Der Weg zurück ins Berufsleben ist oft steinig – besonders für Menschen mit familiären Betreuungspflichten oder längeren Unterbrüchen im Lebenslauf. Aus diesem Grund lud die BSLB Kanton Schwyz zusammen mit dem Companies & Returnship Netzwerk (CRN) Ende Juni zu einer Onlineveranstaltung für Wiedereinsteigende – mit praxisnahen Einblicken, konkreten Möglichkeiten und offenem Austausch. Evelin Bermudez vom Companies & Returnship Netzwerk (CRN) kennt die Herausforderungen, vor denen Wiedereinsteigende im Kanton Schwyz stehen. Im Interview erklärt sie, welche Potenziale Betriebe oft übersehen, wie ein erfolgreicher Wiedereinstieg gelingt – und warum Offenheit wichtiger ist als grosse Programme.


Interview mit Evelin Bermudez
geführt durch Martina Petrig, Amt für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

Frau Bermudez, was sind aus Ihrer Sicht die grössten Hürden für Wiedereinsteigende im heutigen Arbeitsmarkt – insbesondere im Kanton Schwyz?
«Viele Wiedereinsteigende – ob nach einer Familienpause, einem Auslandaufenthalt oder einer Pflegeverantwortung – bringen wertvolle Fähigkeiten mit, stossen jedoch auf strukturelle und mentale Barrieren:

  • Nicht-lineare Lebensläufe werden nach wie vor kritisch gesehen.
  • Altersstereotype erschweren vor allem für ältere Wiedereinsteigende den Zugang.
  • Der Zugang zu Netzwerken, geeigneten Weiterbildungen oder einer gezielten Beratung fehlt oft.
    Gerade in ländlich geprägten Regionen wie dem Kanton Schwyz kommen erschwerte Vereinbarkeitsbedingungen hinzu: Pendeldistanzen, begrenzte Kinderbetreuung, starre Arbeitsmodelle. Dabei könnten viele Unternehmen vom vorhandenen Potenzial vor Ort direkt profitieren – wenn sie den Mut haben, neue Wege zu gehen.»

Welche konkreten Massnahmen können Betriebe im Kanton Schwyz ergreifen, um Wiedereinsteigende gezielt zu fördern und zu integrieren?
«Schon kleine Anpassungen können viel bewirken. Empfehlenswert sind beispielsweise:

  • Offene Ausschreibungen, die auch Menschen mit Unterbrüchen im Lebenslauf explizit ansprechen.
  • Strukturierte Einarbeitungsphasen, die den beruflichen Wiedereinstieg erleichtern.
  • Pilotprojekte oder befristete Programme, mit denen Erfahrungen gesammelt werden können.
  • Bewusstseinsbildung im HR- und Führungsteam, um Vorurteile aktiv abzubauen.
    Wer als Betrieb in der Region Schwyz zukunftsorientiert denkt, kann hier eine Vorreiterrolle übernehmen – nicht mit komplizierten Programmen, sondern mit Pragmatismus und Offenheit.»

Wie wichtig sind flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeit oder Homeoffice – und wie realistisch ist das für KMUs?
«Flexibilität ist oft der Schlüssel für einen gelungenen Wiedereinstieg. Gerade für Eltern, pflegende Angehörige oder Menschen in Umorientierung sind Teilzeitlösungen oder hybride Modelle essenziell. Natürlich kann nicht jeder Betrieb Homeoffice anbieten – aber Gleitzeit, Jobsharing oder reduzierte Pensen sind auch für viele KMUs machbar.
Wichtig ist: Flexibilität muss nicht auf Kosten der Produktivität gehen. Wer hier offen denkt, profitiert oft von überdurchschnittlich motivierten Mitarbeitenden.»

Welche Rolle spielt betriebsinterne Weiterbildung – und wie können Unternehmen dies ohne grosse Kosten umsetzen?
«Wiedereinsteigende bringen viel Lebenserfahrung und Transferkompetenz mit, aber manchmal fehlt der letzte fachliche Anschluss.
KMUs können hier mit internem Wissenstransfer, Mentoring oder jobnahen Mikro-Weiterbildungen ansetzen – ohne grossen Aufwand. Schon ein systematisches Onboarding, gepaart mit gezieltem Feedback, kann den Einstieg deutlich erleichtern. Auch Kooperationen mit Weiterbildungsanbietern oder Online-Plattformen bieten kostengünstige Möglichkeiten.»

Sind Ihnen im Kanton Schwyz bereits Beispiele bekannt, bei denen Unternehmen gezielt Wiedereinstiegsmöglichkeiten fördern?
Konkrete Einzelfälle aus dem Kanton Schwyz wurden bisher noch nicht systematisch erfasst. Umso wichtiger ist es, durch den Dialog mit Unternehmen positive Beispiele sichtbar zu machen. Einige Betriebe haben jedoch bereits signalisiert, dass sie offen für alternative Rekrutierungswege sind und punktuell gute Erfahrungen mit Wiedereinsteigenden gemacht haben. Diese Entwicklung möchten wir aktiv unterstützen.

Aktuell arbeiten wir an einer Fallstudie mit dem Titel „Zurück ins Arbeitsleben: Innovative Ansätze zur Wiedereingliederung von Arbeitskräften in kleinen und mittleren Unternehmen“. Darin dokumentieren wir inspirierende Praxisbeispiele aus verschiedenen Regionen. Unternehmen aus dem Kanton Schwyz sind herzlich eingeladen, sich daran zu beteiligen oder mit uns in den Austausch zu treten.

Was wünschen Sie sich konkret von Schwyzer Arbeitgebern?
«Ich wünsche mir, dass Arbeitgeber in Schwyz den Wiedereinstieg nicht als soziales Projekt, sondern als strategische Chance verstehen – gerade angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels. Wer bereit ist, Kompetenz vor Karriereverlauf zu stellen und neue Zielgruppen ernsthaft in den Blick zu nehmen, sichert sich nicht nur Talente, sondern auch Glaubwürdigkeit und Zukunftsfähigkeit.»

Was gibt es sonst noch zu erwähnen?
«Wiedereinstieg darf keine Ausnahme bleiben. Als CRN möchten wir Unternehmen in Schwyz ermutigen und befähigen, mit kleinen Schritten grosse Wirkung zu erzielen. Wir stehen gerne für Austauschformate, Impulse oder gemeinsame Projekte zur Verfügung – unverbindlich, pragmatisch und lösungsorientiert.
Denn das inländische Potenzial ist da. Man muss es nur erkennen und nutzen.

Darüber hinaus betrifft Wiedereinstieg nicht nur einzelne Betriebe, sondern hat gesamtgesellschaftliche und volkswirtschaftliche Relevanz – insbesondere im Hinblick auf Altersvorsorge, finanzielle Eigenständigkeit und die Vermeidung von Rentenlücken, von denen Frauen überproportional betroffen sind.
Wer heute den Weg zurück ins Erwerbsleben unterstützt, stärkt langfristig die soziale Absicherung vieler Menschen und trägt zur Stabilität des Systems bei. Ein weiterer Aspekt ist die Weiterbildung und Umschulung: Viele Rückkehrwillige sind bereit, sich gezielt weiterzuqualifizieren, doch häufig fehlen ihnen Zugang, Information oder finanzielle Mittel. Hier braucht es mehr Sichtbarkeit, niedrigschwellige Angebote und eine stärkere Vernetzung zwischen Arbeitsmarktbehörden, Bildungsanbietern und Unternehmen. Nur so können auch ausserbetriebliche Lernwege zu einem erfolgreichen Wiedereinstieg führen. Denn nachhaltige Reintegration gelingt selten allein, sondern im Zusammenspiel.»

Der Fachkräftemangel ist real – und das ungenutzte Potenzial inländischer Wiedereinsteigende ebenso. Evelin Bermudez ruft dazu auf, eingefahrene Muster zu hinterfragen und neue Chancen zu erkennen. Was es dazu braucht? Weniger Perfektion – und mehr Mut, Menschen mit Lebenserfahrung wieder ins Berufsleben zu holen.
Besonders im Kanton Schwyz kann das ein entscheidender Wettbewerbsvorteil werden.

Foto: zvg

Kontakt:
Amt für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung
BIZ Pfäffikon – BIZ Goldau – BIZ Einsiedeln
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