Navigieren im Kanton Schwyz

Schule-Beruf: Wie gelingt der Übergang? – Perspektive von Lehrpersonen und Berufsbildenden auf den Bewerbungsprozess

Der Weg von der Schule ins Berufsleben ist für viele Jugendliche eine Herausforderung. Lehrpersonen und Berufsbildende erleben hautnah, was in dieser entscheidenden Phase gut funktioniert – und wo es noch hakt. Einblicke in ein Spannungsfeld zwischen Potenzial und Realität.

Daniela Bitzer und Noemi Marti, Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterinnen

Die Berufswahl fällt in eine Lebensphase, die ohnehin von grossen Veränderungen geprägt ist: In der Pubertät durchlaufen die Jugendlichen bedeutende Persönlichkeitsentwicklungen - und gleichzeitig müssen Schnupperlehren organisiert und absolviert, Entscheidungen getroffen und Bewerbungen verschickt werden.
Während einige Jugendliche schnell eine klare Vorstellung davon haben, wohin ihr Weg sie nach der Schule führen soll, fühlen sich andere mit dieser Entscheidung überfordert. Lehrpersonen und Berufsbildende sind sich einig: Ja, die Entscheidung fällt früh. Das Schul- und Ausbildungssystem lässt es zumindest derzeit nicht anders zu. Sie sehen vor allem die persönliche Reife und nicht das Alter als entscheidenden Faktor für einen erfolgreichen Übergang von der Schule ins Berufsleben.

Die persönliche Motivation, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung unterscheiden sich teils stark. Die Berufswahl wird damit auch zu einem persönlichen Reifetest – mit Lernpotenzial und auch Krisenrisiko. Die Bewältigung genau dieser Krisen beinhaltet wesentliche Lernprozesse, welche die Jugendlichen fit fürs Leben machen.  
Die befragten Lehrpersonen und Berufsbildende unterstreichen in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit der Unterstützung und Begleitung durchs Elternhaus und die Schule. Zudem sei es zentral, die Berufswahl als ersten Schritt und nicht als endgültige Lebensentscheidung zu verstehen. Sonja Wattenhofer, Ausbildungsverantwortliche im Spital Lachen, betont die Wichtigkeit der Schnupperlehre: «Ohne verschiedene Schnupperlehren fehlt den Jugendlichen eine fundierte Grundlage, um eine gut informierte Entscheidung treffen zu können.»

Auch Andy Zehnder, Berufsbildner bei der STEINEL Solutions AG, holt die Schnupperlehre ins Bewusstsein: Die Durchführung einer Schnupperlehre sei für einen Betrieb mit viel Aufwand verbunden. Dazu beginne für ihn der eigentliche «Bewerbungsprozess» bereits mit der ersten Schnupperlehre. Auch er als Betrieb mache sich ein Bild von den Jugendlichen - dies sei den Schülerinnen und Schülern oft nicht bewusst.

Fit fürs Vorstellungsgespräch? – Bewerbungsprozess mit Luft nach oben
Ist der Berufswunsch konkret, beginnt der klassische Bewerbungsprozess um eine Lehrstelle. Dieser hat in den Schulen einen hohen Stellenwert und findet in verschiedenen Fächern statt. Im Fach Deutsch entstehen Muster- Bewerbungsdossier als Grundlage für zukünftige Bewerbungen, im Fach Lebenskunde üben die Schülerinnen und Schüler Bewerbungsgespräche – oft mit der Unterstützung von Lehrbetrieben, welche von der Schule zu fiktiven aber möglichst praxisbezogenen Gesprächssimulationen eingeladen werden. Berufsbildende zeigen den Jugendlichen in einem Bewerbungsgespräch, welche Fragen typischerweise gestellt werden können.
Wie gut Schülerinnen und Schüler auf das Bewerbungsverfahren vorbereitet sind, ist unterschiedlich. Beide befragten Berufsbildenden bestätigen, dass die Bewerbungen in der Regel ordentlich und korrekt sind, die Vorbereitung auf die Bewerbungsgespräche oft Defizite aufweisen und es Entwicklungspotenzial gibt.
Auch grundlegende Kompetenzen, wie telefonische Erreichbarkeit, zeitgerechte Reaktionen auf E-Mails oder sich im Voraus genügend über den Beruf oder den Betrieb informiert zu haben, fehlen.

Brücken bauen – Zusammenarbeit stärken und Chancen verbessern
Die Kommunikation zwischen Schule und Ausbildungsbetrieb bietet Raum für Verbesserung. Die nachfolgenden Wünsche vergegenwärtigen die gegenseitigen Erwartungen aus unterschiedlicher Perspektive.

     

    Wünsche an die Schule:

    • Schnuppertage bereits ab der 1. Oberstufe gewähren
    • Bewerbungstraining Mitte-Ende 2. Oberstufe anbieten
    • Mehr individuelle Unterstützung der Lehrpersonen bei den administrativen Herausforderungen im Bewerbungsprozess. Z.B. Formulierung von Anfragen per Mail, Reaktion auf Einladungen, usw.
    • Austauschworkshop zwischen Lehrbetriebe/Berufsbildende; Schule/Lehrpersonen; Schüler/-innen/Eltern

    Wünsche an die Lehrbetriebe:

    • Berufe/Betriebe sollen sich vermehrt an Berufsmessen zeigen
    • niederschwelliger Zugang zu Schnupperlehren
    • offene Kommunikation bezüglich der Vergabe von Lehrstellen: Welche Anforderungen werden an die Jugendlichen in der Lehre gestellt? Wann sind die Bewerbungsfristen und in welchem Zeitraum werden die Lehrverträge unterschrieben?
    • Zeitpunkt der Lehrstellenausschreibung/-vergabe nicht immer früher ansetzen (Regelung Lehrstellenvergabe ab November) und so den Schüler/-innen für ihre Entscheidung Zeit lassen
    • Bewerbungen anonymisiert einreichen können, um eine objektive Betrachtung der fachlichen und überfachlichen Leistungen zu gewährleisten
    • Zeugnisse der 3. Oberstufe nach Lehrvertragsunterzeichnung sollten vorgelegt werden, damit Schüler/-innen bis Ende ihrer Schulzeit im Unterricht aktiv bleiben

    Gemeinsam für einen gelungen Übergang
    Sowohl die Schule als auch die Lehrbetriebe verfolgen dasselbe Ziel:
    Sie wollen den Übergang von Jugendlichen in die Berufswelt sorgfältig gestalten und dafür die nötigen Zeitressourcen bereitstellen. Beide Institutionen setzen sich dafür ein, die Jugendlichen in ihrer Entwicklung zu fördern und sie mit den Fähigkeiten auszustatten, die für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben nötig sind.

    Auch wenn die genannten Ansätze und Wünsche unterschiedlich sein mögen, zeigen sich viele Gemeinsamkeiten in der Zielsetzung. Zentral dabei ist die Zusammenarbeit zwischen Schule und Lehrbetrieb: Diese soll verstärkt und besser aufeinander abgestimmt werden. Jugendliche sollen frühzeitig die Möglichkeit erhalten, sich niederschwellig, vertieft und realitätsnah mit verschiedenen Berufen auseinanderzusetzen.
    Anforderungen und Erwartungen sollen gegenseitig klarer kommuniziert sowie Chancengleichheit und ein transparenter Auswahlprozess gelebt werden.

    Um die Jugendlichen besser auf den Berufseinstieg vorzubereiten, sollen frühe und intensive Einblicke in verschiedene Berufe, Bewerbungstrainings und individuelle Unterstützungsmöglichkeiten in der Berufswahlphase angeboten werden. Zudem wird der Wert der Vermittlung von Soft Skills und Lebenskompetenzen betont.

    Herausforderungen im Alltag
    Schule und Lehrbetriebe sehen sich mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert: Die individuelle Begleitung der Jugendlichen ist zeitintensiv und im regulären Schulalltag oft schwer umzusetzen. Gleichzeitig fehlt es in den Lehrbetrieben oft an flexiblen Strukturen, um auf die komplexen oder besonderen Bedürfnisse der Jugendlichen einzugehen.

    Grundsätzlich sind die Eltern und andere Bezugspersonen in diesem Prozess die wichtigsten Ansprechpartner und Unterstützenden, wenn es darum geht, die jungen Menschen in ihrer Entscheidung zu stärken und zu begleiten.

    Fazit: Früher ansetzen und enger zusammenarbeiten
    Eine engere Zusammenarbeit zwischen Schule und Lehrbetrieb, ergänzt mit einer frühen Auseinandersetzung mit der Berufswelt und deren Anforderungen, kann den Übergang in die Arbeitswelt deutlich erleichtern. Dank dem jeweiligen Engagement und gemeinsamen Dialog werden Jugendliche nicht nur fachlich, sondern auch persönlich gestärkt – und können mit Selbstvertrauen und realistischen Erwartungen in ihre berufliche Zukunft starten.


    "Das Arbeitsumfeld und die beteiligten Personen können sich oft nur schwer an die Bedürfnisse der Jugendlichen anpassen. […] Die Schule unterschätzt häufig, wie ausgeprägt und stabil die körperliche und psychische Belastbarkeit der Jugendlichen sein muss. Im beruflichen Alltag kann darauf nur bedingt Rücksicht genommen werden."

    Sonja Wattenhofer, Ausbildungsverantwortliche Spital Lachen


    "[Ich stelle fest], dass Anforderungen für Schnupperlehren in den letzten Jahren stets gestiegen sind [z.B. ein Bewerbungsschreiben einreichen]. Ich wünschte mir, dass Lehrbetriebe diese Hürde wieder abbauen könnten und Jugendliche unkomplizierter Schnupperlehren erhalten dürfen."

    Daniel Raguth, Klassenlehrperson Oberstufe Siebnen


    "Oft wird angenommen, dass wir Berufsbildner ausschliesslich für die fachliche Ausbildung zuständig sind. Dass wir den Jugendlichen auch viele Soft Skills und Lebenskompetenzen vermitteln wird oft unterschätzt."

    Andy Zehnder, Berufsbildner Steinel Solutions AG


    "Am meisten wünsche ich mir, dass alle Jugendlichen im Bewerbungsprozess die gleichen Chancen erhalten. Leider erleben wir es bei uns an der Schule immer wieder, dass besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund trotz guten bis sehr guten fachlichen Leistungen sowie einwandfreien überfachlichen Kompetenzen sehr viele Absagen erhalten."

    Lorena Trütsch, Klassenlehrperson Oberstufe Lachen

    Quelle: Die Portraits wurden der BSLB zur Verfügung gestellt.

    Kontakt:
    Amt für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung
    BIZ Pfäffikon – BIZ Goldau – BIZ Einsiedeln
    www.sz.ch/biz

    Diese Seite drucken oder teilen:

    • Seite drucken